1943-1945 KZ-Außenlager Lieberose
Gründung
Im Frühjahr 1943 begann die Waffen-SS mit dem Aufbau des Truppenübungsplatz „Kurmark“ in der Lieberoser Heide, rund 100 Kilometer südlich von Berlin. Die Kommandantur befand sich in dem Dorf Jamlitz. 17 Dörfer um Jamlitz sollten dem Truppenübungsplatz weichen. Im November 1943 richtete das KZ Sachsenhausen in Jamlitz das Außenlager Lieberose ein. Es wurde nach der Bahnstation in Jamlitz benannt, die den Namen der nahegelegenen Stadt Lieberose trug.
Die ersten 200 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen wurden in einer Gaststätte untergebracht. Sie bauten bis Ende März 1944 das Häftlingslager in der Nähe des Bahnhofs. Im April 1944 traf der erste große Häftlingstransport mit 400 Polen und sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem KZ Groß-Rosen ein. Weitere politische Häftlinge kamen aus den besetzten Ländern Norwegen, Belgien, Niederlande, Frankreich, Dänemark, der Tschechoslowakei sowie aus Italien. Namentlich bekannt sind rund 100 deutsche Häftlinge. Sie waren als „Politische“, „Berufsverbrecher“, „Asoziale“, „Sicherungsverwahrte“ und „Homosexuelle“ inhaftiert.
Das Außenlager Lieberose und der Völkermord an den europäischen Juden
Nachdem die Nationalsozialisten im Frühjahr 1944 damit begonnen hatten, wegen des Arbeitskräftemangels rund 200.000 bereits nach Auschwitz deportierte Juden zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich zu transportieren, wurde das Außenlager Lieberose zum bedeutendsten Ort der Schoa im Raum Berlin-Brandenburg. Am 5. Juni 1944 trafen 2400 ungarische Juden aus dem Vernichtungslager Auschwitz am Bahnhof Lieberose in Jamlitz ein. Im Laufe des Sommers folgten weitere Transporte mit jüdischen Häftlingen aus Auschwitz. Sie stammten aus nahezu allen europäischen Staaten. Von den insgesamt etwa 6600 Häftlingen im Außenlager Lieberose waren 6 000 Juden.
Aufgrund der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik wurden die jüdischen Häftlinge schlechter behandelt als alle anderen Gruppen. Obwohl sie für den Arbeitseinsatz in Deutschland von der sofortigen Ermordung in den Vernichtungslagern ausgenommen waren, galt ihre Arbeitskraft der SS nicht als erhaltenswert. Ihnen wurden die schwersten Arbeiten zugewiesen. Sie erhielten die schlechteste Ernährung und waren von medizinischer Versorgung weitgehend ausgeschlossen. Die Häftlinge mussten Kasernen, Wege, Straßen, Entladerampen und Eisenbahntrassen errichten. Im größten Kommando „SS-Unterkünfte Ullersdorf“ waren im Wald nördlich von Jamlitz mehr als 1000 jüdische Häftlinge eingesetzt.
In keinem anderen Außenlager des KZ Sachsenhausen war die Sterblichkeit so hoch wie in Lieberose. Bis zu 18 Häftlinge starben täglich. Zwischen August und Oktober 1944 transportierte die SS rund 1000 erschöpfte jüdische Häftlinge zur Vernichtung nach Auschwitz zurück.
Die SS im Außenlager Lieberose
Nur die SS-Angehörigen der Lagerkommandantur unterstanden dem KZ-System. Lagerführer war der in Lübeck geborene SS-Hauptscharführer Wilhelm Kersten. Der überzeugte Antisemit war aufgrund der von ihm befohlenen verschärfenden Maßnahmen gegenüber den jüdischen Häftlingen der Hauptverantwortliche für die hohe Sterblichkeit. So ordnete er an, dass die Häftlinge barfuß zum fünf Kilometer entfernten Kommando „SS-Unterkünfte Ullersdorf“ marschieren mussten. Ihm unterstanden acht Blockführer, ein Küchenchef, ein Kammerchef und ein Sanitätsdienstgrad. Zur Bewachung des KZ-Außenlagers und des Arbeitseinsatzes wurde eigens das SS-Wachbataillon 4 „Kurmark“ gegründet. Die Wachmänner waren sogenannte Volksdeutsche aus dem jugoslawischen und ungarischen Banat.
Widerstand
Im Häftlingsrevier bildete sich eine kleine Widerstandsgruppe. Zu ihr gehörten der russische Häftlingsarzt Viktor B. Braschnikow, der deutsche politische Häftling Gunther R. Lys, der deutsche jüdische Arzt Dr. Salomon Hans Landshut und der als Blockältester eingesetzte deutsche Kommunist Siegmund Sredzki. Der Gruppe gelang es, kurzzeitig die von der SS vorenthaltene Lebensmittelzulage für die zur Arbeit eingeteilten jüdischen Häftlinge durchzusetzen. Im August 1944 ermordete die SS Siegmund Sredzki und im Oktober Dr. Salomon Hans Landshut.
Lagerauflösung und Massenmord
Als Ende Januar 1945 die Rote Armee die Oder erreichte, löste die SS das Außenlager Lieberose auf. Der am 31. Januar 1945 bei Lagerführer Kersten eintreffende Auflösungsbefehl sah zum einen die Evakuierung eines Teils der Häftlinge in das Hauptlager Sachsenhausen und zum anderen die Ermordung der nicht mehr marschfähigen Häftlinge vor.
Etwa 300 bis 400 Kranke und Jugendliche transportierte die SS am 31. Januar in Güterwaggons ab, bevor am Morgen des 2. Februar 1945 rund 1700 Häftlinge auf den Todesmarsch nach Sachsenhausen geschickt wurden. Als die Kolonne am 10. Februar im Hauptlager eintraf, waren unterwegs rund 300 Häftlinge umgekommen oder erschossen worden. In Sachsenhausen ermordete die SS weitere 400 jüdische Häftlinge in der „Station Z“.
Die 1342 im Lager in Jamlitz zurückgelassenen Häftlinge, überwiegend Juden, wurden bei einem vom 2. bis 4. Februar 1945 andauernden Massaker von rund 15 SS-Angehörigen erschossen. Während des Massakers griff der als Arzt im Häftlingsrevier eingesetzte ungarische jüdische Häftling Dr. Edmund Erdös mit einem Messer Lagerführer Wilhelm Kersten an und verletzte ihn lebensgefährlich.
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